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„Der Natur entrissen“ – Holzschnitte auf handgeschöpftem Papier Franz Gertsch: ein handlungsorientierter Vermittlungsansatz

Mittwoch, 20. Januar 2016 | Autor:

Ergebnisse im Vergleich auf handgeschöfptem Papier u Kopierpapier

(abgedruckt in: Kunst und Unterricht 397/398, 2015)

Schülerinnen und Schüler einer 6. Klasse erfahren durch eigene Hochdrucke auf handgeschöpften Papieren die besondere Qualität der Arbeiten von Franz Gertsch. 

„Die Kunst liegt in der Natur. Wer sie herausreissen kann, der hat sie“ , so der Titel eines Werkkataloges über die Holzschnitte von Franz Gertsch, herausgegeben von der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden. Imposante Ausstellungen, bei denen man seinen eigenen Augen nicht trauen mag, reihen sich um das Werk von Franz Gertsch (*1930 in Mörigen/Schweiz), der zu den bedeutendsten Künstlern der Gegenwart zählt; demletzt von 26. Okt. 2013-16. Febr. 2014 im Museum Frieder Burda unter dem Titel „Geheimnis Natur“. Immer handelt es sich um überdimensionale Bildformate, sozusagen im Schrankwandformat von 3-4 Metern, in monatelanger Arbeit gemalt oder zeitaufwendig im Holzschnittverfahren hergestellt, die in fotorealistischer Genauigkeit die Wiedergabe von Mensch und Natur ins Zentrum stellen. Die riesigen Augen von über zwei Meter großen, formatfüllenden Frauenporträts halten den Blick des Betrachters ebenso gefangen, wie das Dickicht aus tausenden von winzigen Grashalmen oder die kleinen, unregelmäßigen Wellen einer unendlichen Wasseroberfläche.
(Doch warum staunen manche Betrachter mehr als andere?) 
Einzigartig ist nämlich nicht nur die Größe und detailgetreue Abbildung, sondern auch die Herstellungstechnik mittels Holzschnitt und der Bedruckstoff: Das Papier ist handgeschöpft!
Und nur wer den technischen sowie personellen Aufwand der vielfältigen Prozesse kennt, die hinter jedem einzelnen Blatt Papier stecken, – vom Auswählen der Pflanzenstauden und Einsammeln an den steilsten Hängen in japanischen Regionen, dem Säubern und der Verarbeitung der natürlichen Rohstoffe mit reinem Quellwasser bis hin zum Schöpfvorgang mit überdimensional großen Sieben aus riesigen Bütten, kann die Verwunderung und Begeisterung nachvollziehen. Und wer zudem selbst irgendwann einen eigenen Hochdruck angefertigt hat, aus Holz oder einem anderen Material einen Druckstock hergestellt und abgezogen hat, kann einmal mehr stauen.
Naturgetreu bis in die kleinste Ader

Sowohl mit der Überschrift des Werkkataloges, als auch beim Betrachten der Bilder wird man an den Satz von Albrecht Dürer, den er 1528 in seiner Proportionslehre schrieb, erinnert: „Denn wahrhaftig steckt die Kunst in der Natur, wer sie heraus kann reißen, der hat sie…“ – In theoretischen Schriften wie auch in schöpferischen Studien widmete er sich der Natur und versuchte sie dadurch zu begreifen – gemäß dem Erkenntnisstreben der Renaissance. Bekannte Tier- und Pflanzenstudien wie „Großes Rasenstück“, „Hirschkäfer“, „Junger Feldhase“ oder Detailstudien wie der „Flügel einer Blauracke“ entstanden. Vom Forscherdrang angestachelt, bildet er die Natur bis ins kleinste Detail ab.
Diese Wissenschaftlichkeit und Genauigkeit begegnet einem auch bei Gertsch. Er erforscht die Natur, ohne ihr die Lebendigkeit und das Geheimnisvolle zu nehmen. Doch hier enden die Paralleln zu Dürer. Dürers Tier- und Pflanzenstudien sind kleine Aquarellzeichnungen. Gertsch hingegen fertigt riesige Werke, naturgetreu bis in die kleinste Ader, die wie der Natur entrückte, monumentale Bewahrer einer kurzen Momentaufnahme der sichtbaren Welt, wirken.
Darüber hinaus bezieht sich der Begriff „Natur“ bei Gertsch nicht nur auf die Themen aus der Natur oder die naturgetreue Darstellung oder die Herstellungsweise mittels Holzschnitt. „Natur“ kann bei Gertsch auch im engerem Sinne verstanden werden, nämlich, dass mit Materialien der Natur gearbeitet wird: Bei den riesigen Papierformaten, auf die die Holzschnitte gedruckt werden, handelt es sich um besonders haltbares, handgeschöpftes Papier aus Japan des berühmten Papiermachers Heizoburo Iwano, hergestellt aus Bestandteilen der Natur – Pflanzenfasern, gekocht, geschöpft, gegautscht, getrocknet und gepresst.

Verschiedene Papierarten und VerwendungsmöglichkeitenHandlungsorientierter Vermittlungsansatz
Intention des Projekts war es, das ästhetische Potenzial der Natur bzw. des Materials zu nutzen, im Kunstunterricht erfahrbar zu machen und die Schüler durch einen handlungsorientierten Vermittlungsansatz auch auf die haptische Qualität der Werke von Franz Gertsch und ihre technisch aufwendige Herstellungsweise aufmerksam zu machen.

Das Material Papier kennenlernen
Bevor den Lernenden überhaupt Arbeiten von Gertsch gezeigt wurden, sollte das Augenmerk deshalb zuerst auf das Material Papier gelegt werden. Dadurch sollte erreicht werden, dass die Schülerinnen und Schüler beim ersten Betrachten nicht nur die naturgetreue Wiedergabe auf dieser riesigen Formatgröße bestaunen, sondern auch die Einzigartigkeit und Qualität des Papieres bzw. die ästhetische Form des Trägermaterials erkennen.
Papier begegnet den Schülern heute im Überfluss, als Träger von Informationen oder Bildern, als Verpackungs- oder Dekorationsmaterial und wird durch den erhöhten Papierbedarf unserer Gesellschaft sozusagen am laufenden Band hergestellt. Das Sammeln und Erproben der haptischen Eigenschaften verschiedener Papiere brachte Gespräche über Verwendungsmöglichkeiten und diverse Eigenschaften wie auch Lauf- und Dehnrichtung der industriell gefertigten Papiere mit sich. Herstellung, Rohstoffgewinnung und historische Hintergründe führten nach China zu den Geheimnissen des Papierhandwerks, dann über erste Papiermühlen in Deutschland zum Begriff „Bütte“ und über die Papierfaltkunst wieder zurück nach Asien, wo Papier heute noch als Kulturgut hoch geschätzt wird.

Papier schöpfen
Herstellung der PulpePapierschöpfen aus EuroboxenGautschenUm genauer zu verstehen, wieviel Arbeit in einem einzigen Blatt Papier steckt, fertigten die Schüler selbst handgeschöpftes Papier an. In vier Gruppen aufgeteilt, ausgestattet mit insgesamt vier kleinen A5-Schöpfsieben, von der Nachbarschule ausgeliehen, wurde aus Fotowannen oder Euroboxen geschöpft. Mit handelsüblichen Mixern wurde der Roh-Zellstoff (im Handel oder bei Papierfabriken erhältlich) zerkleinert, die geschöpften Fasern auf Wollfilze bzw. dickere Haushaltstücher genau übereinanderliegend gegautscht und – mit Holzbrettern beschwert – gepresst. Zu empfehlen ist die Produktion von Papieren in den Sommerwochen, so kann das Klassenzimmer nach draußen verlegt werden, und die Sonne Papier und nassen Boden trocknen.
Moosgummi auf Karton als Druckstock
Moosgummi auf KartonBei den detailgenauen Holzschnitten von Gertsch, geht man davon aus, dass sie in Hirnholz geschnitten wurden, wie dies auch zu Zeiten Dürers üblich war, um ein Absplittern des Holzes und damit Verfälschung der Vorlage zu verhindern. Mit einem winzigen Hohleisen hebt Gertsch Millimeter für Millimeter aus den Tannen-oder Fichtenholzplatten heraus. Aufgrund des immensen technischen und zeitlichen Aufwandes ist dies mit einer sechsten Klasse von 25 Schülern während eines Kunstunterrichts im Klassenzimmer leider nicht umsetzbar, sodass nach preisgünstigen und einfach herzustellenden Druckstöcken gesucht wurde.
Um auf handgeschöpftem Papier überzeugende Druckerzeugnisse zu erhalten, muss der Druckstock viel Farbe aufnehmen und wieder abgeben können, da der Papieruntergrund durch die zahlreichen Fasern sehr saugstark ist. Die Beschaffenheit des Moosgummis ist weicher und ein derartiger Druckstock gibt mehr Farbe ab, als einer aus Karton. […]
(vollständiger Artikel mit geringfügigen Änderungen abgedruckt in: Kunst und Unterricht 397/398, 2015)

Käferskizzen und DruckstockherstellungDruckprozess Farbige Drucke

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Thema: Ausstellungen/Projekte mit SchülerInnen, X Kunstszene News

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