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Verändere deine Gedanken- und du veränderst die Welt!

Montag, 7. Januar 2013 | Autor:

Gestaltung von Erinnerungskartons
(abgedruckt in:
BDK-Mitteilungen. Fachzeitschrift des BDK. Fachverband für Kunstpädagogik. 3/2012)

Diese Lebensweisheit, angelehnt an ein Zitat des Philosophen und römischen Kaisers Marc Aurel: „Das Glück deines Lebens hängt von der Beschaffenheit deiner Gedanken ab“, ruft bei jedem sofort Bejahung hervor, obwohl eine konkrete Anleitung bzw. das Wie zur Umsetzung im Lebensalltag fehlen.
Diese Unterrichtseinheit will den Satz als Anregung verstehen und ganz einfache, positive Handlungshinweise geben, um Schüler auf ihrem persönlichen Weg zu einer autarken und selbstbewussten Identität zu begleiten.

Innere Bilder
Wie sehr Menschen aufgrund ihrer Gedanken über innere Bilder und Vorstellungen ihre eigene Welt konstruieren, wie sehr sie sich davon leiten lassen und persönliche Handlungsstrategien entwickeln, zeigen Forschungen und Abhandlungen aus der Neurobiologie (HÜTHER 2008), die seit einiger Zeit auch die Pädagogik für sich entdeckt hat (RENTSCHLER/MADELUNG/FAUSER 2003).

Schon Thesen von Aristoteles, dass Bilder als Erinnerungsstützen dienen können oder da Vincis bildhaft-konstruktive Gedanken beim Betrachten der zufälligen Strukturen eines Mauerwerks, verweisen auf die Tendenz des Menschen innere Bilder zu entwerfen, ihnen Bedeutung beizumessen und in Bildern zu denken. Auch Erinnerungen werden bildhaft abgespeichert und daraus schließlich die eigene Biografie konstruiert. Gebrauchte, persönliche Gegenstände, als Teile aus diesen Bildern, sind in der Lage, die damit verknüpften, emotionalen Bilder hervorzurufen.

Besonders ästhetisch-initiierte Biografiearbeit stellt erinnerte Bilder der eigenen Lebensgeschichte ins Zentrum und bildet die Grundlage, Gedanken und Bilder über die eigene Person zu erforschen und das eigene Ich wie in einem Selbstporträt zu analysieren und auszudrücken. Derartige Selbstreflexion wirft Fragen, die eigene Identität betreffend, auf: „Was macht mich aus? Welche Gegenstände sagen etwas über mich aus? Was sind meine Vorlieben? Wie hat mich die Zeit verändert“ – kurz „Wer bin ich?“.

Stundenkonzeption:
Erinnerungen und Erfahrungen, abgelegt in persönlichen Schubladen
Von außen nicht sichtbare Nachforschungen in der eigenen inneren Wirklichkeit müssen angestellt werden, Erinnerungsarbeit betrieben, um geeignete, persönliche Dinge auszuwählen, die man trotz ihrer Intimität, die zwischen Person und Gegenstand entstanden ist, öffentlich darstellen will.

Diesen Prozess hatten die Schüler und Schülerinnen einer 5. Realschulklasse zu bewältigen, indem ich Ihnen vorab die Aufgabe mit nach Hause gab, dass sie je einen Gegenstand aus ihrer Kindergartenzeit, aus ihrer Grundschulzeit und aus dem jetzigen, neuen Lebensabschnitt der Realschule mitbringen sollten und zusätzlich einen Schuhkarton. Es sollten drei Gegenstände sein, die ihnen etwas bedeuten, mit denen sie Erinnerungen verknüpften.

Obwohl einige mich in der nächsten Stunde schon an der Tür abfingen, um mir ihre „erfolgreichen Funde“ zu präsentieren, mussten sie sich noch gedulden und ich zeigte ihnen zwei Bilder von Salvador Dali: „Die Beständigkeit der Erinnerung/Zerrinnende Zeit“ und „Die brennende Giraffe“. Obwohl viele das Bild der zerfließenden Uhren bereits aus ihrer Grundschulzeit kannten, hatten sie sich keine genauen Gedanken über den Titel gemacht.

Durch ihre vorausgegangenen Forschungen in ihrer eigenen Vergangenheit, konnten sie jedoch schnell Bildinhalt und Titel in Zusammenhang bringen und die Aussage des Bildes verstehen. Ein kurzes Gespräch über Traum und Erinnerung führte zum Bild „Die brennende Giraffe“. Dieses, v.a die fragile Figur im Vordergrund empfanden die Jugendlichen eher als gruselig, entdeckten aber eine Verbindung zwischen Träumen, Erinnerungen, Eigenschaften und äußeren Einflüssen, die jeder Mensch in seinen „Schubladen“ im Unbewussten mit sich trägt und die die Persönlichkeit eines jeden Menschen prägen.

Gesammelte Gegenstände als Teile der Lebensgeschichte
Mit gewissem Stolz präsentierten einige im Anschluss ihre mitgebrachten Gegenstände, ausgebreitet auf einem weißen Laken inmitten des Stuhlkreises und erzählten deren Geschichten, die von den anderen mit Aufmerksamkeit verfolgt wurden, obwohl es sich manchmal nur um unscheinbare Gegenstände wie Lego-Steine handelte, die jeder selbst zu Hause hatte. Die persönlichen Geschichten und die Art den Dingen plötzlich Bedeutung im eigenen Leben oder im Leben anderer zuzumessen, waren es, die die Klasse faszinierten und auch Schüler, die sich sonst nicht immer an Sprechregeln hielten, zum Zuhören bewegten. Auf den ersten Blick wertlose Gegenstände, die – wären sie an anderen Tagen einzeln im Klassenzimmer gelegen – wohl ihm Abfalleimer gelandet wären, wurden einzigartig und wertvoll. Die von der Spielwaren- und Medienindustrie entworfenen Produkte und vermittelten Bilder prägen die alltägliche Erfahrungswelt der Schüler, sie werden zu persönlichen Gegenständen und nehmen Einfluss auf deren Erinnerungen und Identitätsentwicklung. Ebenso wie industrielle Produkte unserer damaligen kindlichen Umwelt z.B. Monchichi-Bärchen und Rollschuhe unsere Identität konstruierten und heute erinnerte Bilder und Emotionen in uns auszulösen vermögen, wurden nun Star Wars-Figuren, glitzernde Traumpferde und Skateboards zu Merkmalen heutiger jugendlicher Identitäten. Interessant war auch, dass viele wahrscheinlich schon zu Hause erkannt hatten, dass Lego-Steine zwar die eigene Lebensgeschichte prägen, aber nicht wirklich etwas Persönliches sind, denn auffallend viele brachten selbstgefertigte Gegenstände aus der Grundschulzeit mit oder ihr Übertrittszeugnis. Auch die Schülerfahrkarte erschien plötzlich in ganz anderem Licht und wurde zum Dokument für Freiheit, unabhängig von den Eltern an verschiedene Orte fahren zu können. Obgleich dieser positiven Erfahrungen im Umgang miteinander, wollten einige Jugendliche ihre Kartons nicht öffnen oder hatten schon deshalb nichts mitgebracht. Auf das Problem der Offenlegung der persönlichen Geheimnisse und die Privatheit in der ästhetisch-biografischen Arbeit wird in entsprechender Literatur vielfach hingewiesen (Kunst+Unterricht 280/2004), sodass trotz Aufforderung durch die anderen im Kreis die Kartons verschlossen blieben durften. Gleichzeitig wurde gemeinsam nach einer Lösung gesucht, wie es möglich würde große Objekte wie z.B. Skateboards oder Plüschtiere „in unsere Schublade“ zu bringen. Sich „ein Bild machen“ – wie es auch unser Gedächtnis tut – , sei es als Foto, als Zeichnung oder als Skizze mit Vermerken, dieser Verfremdungseffekt durch das Transponieren in eine andere, bildliche Form brachte nun auch die Lösung für die Gegenstände in den noch verschlossenen Kartons.
Erinnerungskarton – Schattenriss – Strichcode […]
(vollständiger Artikel abgedruckt in: BDK-Mitteilungen. Fachzeitschrift des BDK. Fachverband für Kunstpädagogik. 3/2012)

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Thema: Ausstellungen/Projekte mit SchülerInnen, X Kunstszene News

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